Getauft und gesandt

Oktober 2019 – außerordentlicher Monat der Weltmission (von Lorenz Rösch)

„Getauft = gesandt!“ Nicht anders will dieses päpstliche Motto verstanden werden. Ein guter Anlass, uns zunächst an das zu erinnern, was uns – vielleicht – an anderer Stelle über den Sinn der Taufe beigebracht worden ist. Hat das etwa anders geklungen?

  • Getauft zu werden macht einen Menschen zum Christenmenschen; die Taufe ist wie eine Türschwelle – wer sie überschreitet, ist drin, im Innenbereich, und gehört dazu: zu Christus, zur Gemeinschaft der Kinder Gottes, der Kirche. Damit hat jemand auch Zugang zu allen geistlichen Gütern, die der Kirche anvertraut sind.
  • Die Taufe ist (wie jedes Sakrament) mehr als ein ausdrucksvolles und eindrückliches Ritual. Sie bezeichnet nicht nur, sondern bewirkt, und zwar etwas Bleibendes: ein „unauslöschliches Prägemal“, eine Kennzeichnung, die vor Gott gilt, egal was ein Mensch daraus macht: „Du bist erwählt – du bist mein“.
  • Aber es ist mehr als eine Kennzeichnung, wo ich hingehöre; es ist eine innere Neuschöpfung und Ausstattung, so dass ich nicht nur Kind Gottes heiße, sondern es in Wahrheit bin: „Aus Wasser und dem Heilgen Geist bin ich nun neu geboren“.
  • Das, was da an uns geschehen ist, uns mitgegeben worden ist, heißt traditionell „die heiligmachende Gnade“ oder „Taufgnade“. Schuldzusammenhänge sind aufgelöst, Sünden vergeben, Anrechte des Bösen aufgekündigt; Gott lässt seinen Geist in uns wohnen, den Geist Jesu, der jetzt auch in uns ruft „Abba, Vater“; er rüstet unsern Geist aus mit dem übernatürlichen Vermögen zu glauben, zu hoffen und zu lieben – also nicht irgendwie einen Glauben zu haben, sondern als Kinder Gottes in seiner Nähe zu sein, alles von ihm zu erwarten, am Austausch der Liebe teilzuhaben, der Gott selber ist. …

Das alles ist keine Kleinigkeit! Mehr als alle guten Wünsche, die Menschen mit einer heiligen Zeremonie verbinden können. Auch mehr als eine kleine Sicherheit für den Fall, dass das Schlimmste eintreten sollte. Es ist der Anfang ewigen Lebens – Teilhabe am Leben des ewigen Gottes!

Wo aber bleibt da die vom Papst ins Zentrum gerückte Aussage: getauft = gesandt?

Schauen wir dazu auf Jesus selbst. Bei seiner Taufe am Jordan zeigt sich: Er ist durch und durch Kind Gottes, Sohn Gottes, zuhause in der Liebe Gottes und von ihr erfüllt. Seine Taufe ist aber auch der Moment, von dem an deutlich wird: er ist durch und durch Gesandter. Was ihn selber ausmacht, ist zugleich seine Mission: den Brüdern und Schwestern im Menschsein die Kindschaft zugänglich machen, das Königreich Gottes auftun.

Wie sollte das für uns Christen anders sein? Wir dürfen – wie Christus in der Synagoge von Nazaret – sagen: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn er hat mich gesalbt; er hat mich gesandt… frohe Botschaft zu bringen.“ „Gesalbt“ bedeutet ausgerüstet, gerade auch für unsere Mission: mit Gnadengaben, Charismen. Jede solche Gabe (aufbauend auf natürlichen Talenten) wird „geschenkt, damit sie anderen nützt“. Das was uns geschenkt ist, besitzen wir erst richtig, wo wir davon Gebrauch machen.

Nun mögen wir in der Theorie überzeugt sein, aber praktisch haben wir eine Reihe von Einwänden. Darunter könnten die folgenden sein; eine Antwort ist gleich angefügt.

  • Sind es nicht die anderen, die Amtsträger, die Studierten, die da in erster Linie gefragt sind? – Halten wir die vom Konzil wiedergewonnene Einsicht fest: Alle Getauften haben am dreifachen Amt Christi teil, an seiner Würde und seiner Sendung als Priester, König und Prophet…
  • Was habe ich schon für Gaben? – Auch weniger leuchtende Gaben sind wertvoll. Solche Gaben kommen oft erst ans Licht, wenn man sich auf den Weg macht…
  • Ich habe schon genug damit zu tun, mein eigenes Leben zu bewältigen! – Das ergibt eine gute Wechselwirkung zwischen hauseigenen Herausforderungen und dem, was mir im Kontakt mit anderen begegnet…
  • Braucht es dafür nicht eine gründliche Ausbildung? – Es braucht sogar eine fortwährende Ausbildung… aber jeder nach seinem Maß. Was es vor allem braucht, ist, am Glauben dran zu bleiben, darin unterwegs zu sein, die Gotteskindschaft persönlich zu nähren und zu pflegen…  
  • Aber ich kann doch nicht reden! – Es braucht oft nicht viele Worte. Es geht um etwas ganz Einfaches, das wiederum ganz einfach vermittelt werden möchte…  

Nur ein Einwand ist wirklich berechtigt: Ich kann das nicht allein!

In der Tat: In voller Länge heißt das Leitwort für diesen Monat „Getauft und gesandt. Die Kirche Christi auf Mission in der Welt.“ Nicht nur einzelne Christen sind im Blick, sondern die Kirche – und wozu sie da ist: nicht für sich, sondern für die Welt. Eine Welt allerdings, die die Kirche nicht wirklich zu brauchen scheint… und die doch empfänglich ist für „gute Botschaft“.

Die Botschaft des Evangeliums hat ganz wesentlich mit Gemeinschaft zu tun und kann deshalb gar nicht von Einzelnen allein vermittelt werden. Es braucht die Gemeinschaft Kirche – allerdings eine Kirche, die möglichst etwas widerspiegelt von ihrer Botschaft. Und die auch vor Ort greifbar ist: lebendige Kirche am Ort, nicht perfekt (wie ich selber), eine Dauerbaustelle (wie das eigene Leben), aber gut genug als Biotop für die Entfaltung der persönlichen Mission.

Es ist gut, dass Papst Franziskus all die bestehenden Fragen und Probleme zurückführt auf diese alles entscheidende Frage: Wirst du Ja sagen – du Kirche, du getaufter Christ – wirst du heute Ja zu sagen zu dem, was du bist: mit Christus gesandt, mit ihm auf Mission in der Welt?